Schuhfabrik Kastinger

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Die Schuhfabrik Kastinger war von 1909 bis 1981 ein Betrieb in Seewalchen am Attersee und von großer Bedeutung für den Attergau.

Inhaltsverzeichnis

Die Familie

Die Dynastie der „Kastinger“ begann in Unterbuchberg, Gemeinde Seewalchen am Attersee, wo der 1811 geborene Stephan Kastinger ein namhafter Schuhmachermeister war. Auch seine 4 Söhne, darunter Max (* 1850), erlernten ebenfalls das Schuhmacherhandwerk. Max hatte gleichfalls vier Söhne, die wiederum diesen Beruf erlernten.
Die Schuhmacherei war damals mehr als ein Handwerk, sie war eine Kunst, mussten doch alle Arbeiten, vom Leisten schnitzen über das Muster entwerfen, den Schnitt machen und den Schuh anfertigen, beherrscht werden. Dann musste die Ware auch noch selbst verkauft werden. Schuhgeschäfte im heutigen Sinne gab es noch nicht. Es ist bekannt, dass der alte Stephan Kastinger oft zu Fuß nach Salzburg wanderte, um dort Leder bei der Gerberei Schüsselberger einzukaufen. Seine Ware verkaufte er eigenhändig auf den Märkten von Ischl, St. Gilgen und Attersee.

Das Gebäude in der Hauptstraße 1948 nach einem alten Aquarell

Kastinger – Schuh aus dem Salzkammergut

Hermann Kastinger (1885 – 1936) gründete 1909 die „neue” Firma Kastinger im Haus des jetzigen Friseurs Hemetsberger (Seewalchen, Hauptstraße 13). Durch Fleiß und großes Können brachte er die Firma so voran, dass er schon im Jahr 1914 einen Grund kaufen und das Stammhaus in der Hauptstaße 27 erbauen konnte. Er nahm Verbindung mit Geschäftsleuten in Wien auf und bald wurde der „Kastinger-Schuh aus dem Salzkammergut” ein Qualitätsbegriff für zwiegenähte Berg- und Haferlschuhe, Stiefel, Trachtenschuhe, aber auch feine Herrenschuhe wurden hergestellt. 1928 erhielt Kastinger den Staatspreis, seine Schuhe wurden bis nach Beirut exportiert.

Auf dem Weg zur Fabrik

Max Kastinger (1913 – 1985) folgte einer Familientradition und machte wie seine Vorfahren eine Schusterlehre und auch der jüngere Hans, der 1944 gefallen ist, trat in die Fußstapfen des Vaters. Nach dem frühen Tod seines Vaters (1936) führte Max mit der Mutter die Firma mit 4 bis 5 Mitarbeitern weiter. Während des Krieges widmete sich Max dem Ausbau der Firma.
Als er erkannte, dass die Schuhmacherei als solche nicht mehr lebensfähig sei, begann er mit der Umstellung zum Industriebetrieb. 1939 begann er im kleinen Rahmen mit der industriellen Fertigung, vorerst für Heeresaufträge.
In den Kriegsjahren hatte der Betrieb rund 40 bis 50 Beschäftigte. 1946 erzeugte er für die amerikanischen Soldaten Schuhe. Neben den Bergschuhen wurden auch die Schischuhe ein immer wichtigeres Produkt und ein Exportartikel für die ganze Welt. Zu dieser Zeit wurden etwa 300 Schuhe pro Monat hergestellt.

Kastinger Schi- und Bergschuhe

Messner/Habeler-Werbung auf Kastinger Bergschuhschachtel

Wechseln zu: Navigation, Suche 1954 fuhr Max erstmals nach Amerika und bot dort seine Schischuhe an. Ein Jahr später kamen die Amerikaner ihrerseits zu Besuch und der Kastinger Schischuh „Alpina“ wurde bald ein internationaler Verkaufserfolg. 1969 produzierte Kastinger den ersten Schalenschischuh in Europa. In den besten Jahren wurden in den USA an die 80.000 Paar Schischuhe und rund 60.000 Paar nach Japan verkauft. 1970 ging die erste Lieferung per Container nach Amerika.

Kastinger stattete verschiedene Rennläuferinnen aus, darunter Erika Mahringer (Medaillengewinnerin bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in den 1950er Jahren), Traudl Hecher (Medaillengewinnerin bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften in den 1960er Jahren) und die Liechtensteiner Olympiasiegerin und Weltcupgewinnerin Hanni Wenzel.
1964 unterhielt er gemeinsam mit dem Blizzard-Schi-Erzeuger Toni Arnsteiner eine Bar bei den Olympischen Spielen in Innsbruck.

Mit diesem Kastinger-Schuh war Peter Habeler am Mount Everest.

Kastinger stattete auch zahlreiche Bergexpeditionen aus. Am 8. Mai 1978 bezwangen Reinhold Messner und Peter Habeler erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff den Gipfel des Mount Everest mit Kastinger Schuhen.

Stammhaus und Schuhfabrik

Diese Ausweitung der Produktion erforderte bauliche Maßnahmen. Vorerst musste das Haus in der Hauptstraße mehrfach erweitert werden. Als auch die dritte Erweiterung um 1948 nicht mehr genügend Platz bot - der Betrieb hatte bereits über 200 Mitarbeiter - entschloss sich Max Kastinger zum Bau einer modernen Schuhfabrik an der Steindorfer Straße (heute A.-Bruckner-Straße), die 1956 fertiggestellt wurde. In der neuen Fabrik fanden nun 350 Beschäftige Arbeit. Über 150 Modelle jährlich, bis zu 10 neue Leistenformen und verschiedene Macharten stellten für die Beschäftigten eine große Herausforderung dar.

Die Schuhfabrik in der Steindorfer Straße um 1957.

Das Werk wurde in den Folgejahren mehrfach erweitert. 1964 eröffnete die Firma Kastinger einen Zweigbetrieb mit 120 Personen in Grünburg an der Steyr. 1968 eröffnete die Firma Kastinger einen weiteren Zweigbetrieb in Münchsdorf/Niederbayern (BRD). Dies war der erste österreichische Schuhherstellerbetrieb im EWG-Raum.
1977/78 musste der Betrieb in der Steindorfer Straße erweitert werden. 1978 stellten über 500 Mitarbeiter jährlich 500.000 Paar Ski-, Berg- und Wanderschuhe her. Am 26. Juni 1973 vernichtete ein Großbrand die Lagerhallen der Schuhfabrik Kastinger. Brandursache war ein Funkenflug bei Schweißarbeiten. In den Hallen waren Lacke, Klebemittel und Kunststoffe gelagert. Der Schaden betrug 25 Mio. Schilling. Ab 1975 erfolgte der Vertrieb in den USA über die A & T Seattle, es stiegen die Kosten und die Außenstände der Kunden. Durch die dortige Hochzinspolitik wurden die Rechnungen immer zögerlicher bezahlt und die Außenstände aus Amerika betrugen nun mehrere Millionen Dollar. Am 31. Mai 1980 übergab Max Kastinger die Geschäftsführung seiner Tochter Christa Lux und seinem Sohn Hermann Kastinger.

Das Ende

Die Finanzierung in Österreich gestaltete sich zunehmend schwierig. Im Jahr 1980 trat der Vater aus der Firma aus, seine Kinder Christa Lux und Hermann Kastinger übernahmen den Betrieb.
Am 6. März 1981 musste Christa Lux der Belegschaft mitteilen, dass es nicht mehr weiter geht. Aufträge wären vorhanden gewesen, aber es fehlte am Kapital. Am 26.März war der Konkurs „amtlich“, 500 Leute waren betroffen. Allein in Seewalchen gingen rund 270 Arbeitsplätze verloren.

Der Besitzer der Stapa-Schuhfabrik Franz Huemer, Lambach, kaufte am 13. Mai 1981 die Schuhfabrik Kastinger um 20 Mio. S. Ab Mai 1985 kämpfte dieser mit Liquiditätsproblemen. Das Unternehmen in Seewalchen wurde mit Jahresende 1985 stillgelegt.

Die Kastinger-Objekte heute

Im Kastinger-Gelände in der Steindorfer Straße (heute Anton-Bruckner-Straße) befanden sich ab 1986

  • ein Schuhgeschäft (Mayer bis 2005);
  • die Fa. Techno-Circle (1993-1997;)
  • ein Supermarkt (1989 „Hit-Diskont“, 1990 – 2006: Billa);
  • in der ehemaligen Kantine bis 2000 ein Gasthaus (Heuriger, Gösser-Stube, Zipfer-Krone und kurze Zeit ein Café).
  • 2005 ging das Areal an die Fa. Müller, die die Gebäude 2006 abriss und einen „Müller-Markt“ eröffnete.

Im Haus Hauptstraße 27 gab es vorerst bis 1993 ein Textilgeschäft, anschließlich stand das Gebäude über Jahre weitgehend leer.

  • 2005 wurde das Haus abgerissen, heute steht dort ein großes Wohnhaus und ein Antiquitätengeschäft.

Quellen