Oskar Hauttmann

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Dr. Oskar Hauttmann 1894

Dr. Oskar Hauttmann (* 1868 in Pichling bei Köflach, Steiermark, † 1956 in Kammer am Attersee) war in der ersten Hälfte des 20. Jh. Gemeindearzt in Schörfling am Attersee.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Er wurde 1868 in Pichling bei Köflach, Steiermark, als Sohn eines Hüttenmeisters des dortigen Eisenwerkes geboren. Nach seinem Studium in Graz kauften seine Schwiegereltern 1894 die Seevilla in Kammer am Attersee, wo er seine Arztpraxis einrichtete. Diese führte er bis gegen Ende des Zweiten Weltkrieges; die Situation der Bevölkerung, besonders der Gefangenen und Flüchtlinge machten dies erforderlich. Im Jahr 1956 ist Dr. Hauttmann verstorben.

Erinnerungen

Seine Enkeltochter hat die Erinnerungen an ihren Großvater in einer Broschüre zusammengefasst. Daraus einige Anekdoten:

Das Wartezimmer

Die Praxis hat aus einem zugigen Gang und einem Zimmer bestanden. Der zugige Gang war das Wartezimmer. Die Einrichtung bestand aus zwei Birkenbänken mit Rosshaarpölstern und einem Spucknapf. In diesem Wartezimmer ist einmal ein alter Landstreicher gestorben. Als mein Großvater bemerkte, was mit dem Wartenden los war, hat er noch gerufen: „Halt, gestorben wird hier nicht”. Es hat aber nichts mehr genützt.

Auf meine Bemerkung, dass das Wartezimmer eigentlich sehr kalt ist, hat die Köchin mir erklärt, dass die Leute ja auch in der Kirche im Kalten sitzen, es also gewöhnt sind. Wer allerdings mit der Köchin gut Freund war, durfte in der warmen Küche warten und hat schon alle Beschwerden erzählen können und hat noch obendrein einen warmen Kaffee bekommen.

Die Praxis

In der Ordination war ein Diwan, ein Stehpult und ein Tisch. An der Wand war ein Telephon mit Trichter und Kurbel, auch kann ich mich an einen Bohrer mit Fußbetrieb und an einen Zahnbehandlungsstuhl erinnern, hat mein Großvater doch auch Zähne gerissen und wenn er den Falschen erwischt hat soll er ihn kurzerhand wieder hineingesteckt haben. Dieses Experiment soll mindestens einmal geglückt sein.

An einer Wand ist ein Glasschrank gestanden mit allen chirurgischen Instrumenten und Geburtszangen in allen Größen. Es klingt alles primitiv und doch hat er chirurgische Eingriffe aller Art gemacht: Zangengeburten, Zungenhaft gelöst, genäht, geklammert und Füße eingegipst. Bevor in Vöcklabruck das Krankenhaus gebaut wurde, war das nächste Krankenhaus in Wels. Forstarbeiter und Bauern waren lange Zeit nicht versichert und haben jeden Krankenhausaufenthalt gefürchtet.

Aus seinen Erzählungen

  • Er fragt einen Patienten: „Huaberbauer wie gehts denn deiner Frau? Hat sie schon Appetit?" Drauf die Antwort: „Es geht ihr scho besser Herr Doktor, aber appetittli, - so richti‘ appetittli is allweil no net!"
  • Ein junges Mädchen beklagt sich, dass ihm der Busen nicht wächst. Mein Großvater gibt ihm den Rat: „Dirndl bet das Busengebet von der alten Hüttmoarin, du musst die Busen reiben und sagen:

  Steht auf ihr beiden
  wachset mit Freuden
  lobet den Herrn
  größer sollt's wern!"

  • Er wird zu einem Kind mit unerklärlichen Beschwerden gerufen. Er fragt: „Vielleicht Würmer?“ Die Mutter: „Herr Doktor! Würmer als is‘ halt, kann is‘ nimmer halten!'
  • Eine Bäuerin kommt zu meinem Großvater und bittet ihn zu kommen, die dreizehnjährige Tochter windet sich vor Bauchschmerzen. „I hab ihr eh scho g'sagt, iss' net so viel Kletzen!" Der Doktor kommt ins Zimmer, das Dirndl liegt im Bett und stöhnt, er schlägt die Decke zurück, da war der Kopf des Kindes schon zu sehen, zur Bäuerin gewendet sagt er „Da habts eure Kletzen!". Dann hat er schnell bei der Geburt geholfen.
  • Seine Behandlungen waren nach heutigen Begriffen fortschrittlich, zu der damaligen Zeit jedoch eher rückschrittlich. Bei Stirnhöhlentzündung hat er den Rat gegeben, scharfen Kren aufzulegen, er hat viele Tees verordnet, getrocknete Schwarzbeeren bei Durchfall empfohlen und Lindenblütentee bei Fieber. Auch Essigpatschen und Topfenwickel gehörten zu seinen Behandlungen.
  • Nur mutige Patienten und im äußersten Notfall haben sich getraut, ihn in der Nacht aufzuwecken. Im Krieg ist einmal der örtliche Fleischhauer in der Nacht gekommen. Der Großvater: „Das ist Hausfriedensbruch und kostet ein Kilo Geselchtes!" Wirklich, zu unser aller Freude, ist der Fleischhauer am nächsten Tag mit einem Rollschinken gekommen.
  • Noch oft höre ich die Leute über meinen Großvater erzählen. Neulich am Friedhof hat mich eine alte Frau angesprochen: „Ja der Doktor Hauptmo, der hat mir ja das Leben g‘rett". „Ja wieso?". „Ja wissen's, i hab Diphterie g'habt und das Nachbardirndei a. Das Nachbardirndei is ins Spital kumma, dort is g'storben. Mi hat der Doktor Hauptmo´ dahoam behandelt und i bin am Leben blieb'n."

Bahn und Auto

Dr. Oskar Hauttmann und sein Auto.
  • Wenn der Großvater mit der Bahn wegfahren wollte und es kam gerade noch ein Patient daher, der dringend verarztet werden musste, dann hat sich Folgendes abgespielt: „Kinder, rennts hinunter zur Bahn und sagts dem Vorstand, er soll warten, bis ich da fertig bin!“. Und wirklich der Kammerer Hansl, damals noch mit Dampf und Rauch, hat brav gewartet, bis unser Großvater gekommen ist.
  • Mein Großvater hatte das erste Auto in dieser Gegend. Zwei Schlosser, die an die Zukunft der Kraftfahrzeuge (hier „Eahmselm-Fahrer“ genannt) glaubten und eine Werkstatt eröffneten, wurden verlacht: "Zwegen dem narrischen Doktor Hauttmann machts ös a Werkstatt auf!".
  • Die Straßen waren nicht so wie heute, sondern voller Schotter und auf der Seite mit tiefen Straßengräben. Der Großvater landete oft im Straßengraben und musste dann mit Pferden wieder herausgezogen werden, was viel Zeit in Anspruch genommen hat.
    Viele Leute, die ihn dringend gebraucht haben baten: „I bitt' Ihna Herr Doktor, nehmen's die Ross´ - es is dringend!“
  • Es war früher so ruhig. Eine alte Köchin hat mir erzählt, dass sie, wenn sie den Motorenlärm gehört hat, die Knödel eingelegt hat. Dann waren sie fertig bis mein Großvater von Sicking oder Weyregg am Attersee gekommen ist.

Auf der Jagd

  • Der Großvater war ein großer Jäger und hat im Herbst immer an der örtlichen Treibjagd teilgenommen. Als Büchsenspanner begleitete ihn der Forstadjunkt Bichler Herbert. Aber auch auf der Treibjagd musste er seinen Nachmittagsschlaf haben. So hat er sich unter einen Baum gelegt und zum Forstadjunkt gesagt: „Ich mach' jetzt einen Tunker, (so nannte er ein kleines Schlaferl) weck' mich auf, wenn was kommt." Wirklich kommt ein Hase, der Forstadjunkt denkt sich, einmal möchte ich mit der Büchsen vom Doktor schiaßen, er schlaft ja eh und terrisch ist er auch. Er schießt und „akrat“ wacht der Doktor auf und sagt: „Hast du jetzt g'schossen?" . Der Forstadjunkt schuldbewusst „Ja". „Hast wenigstens troffen?'. „Ja". Der Großvater: " Brav!“
  • Durch die Jägerei kannte er viele Jagasteige und wenn wir mit ihm unterwegs waren, Gahberg, Bramosen oder Schmaußing wusste er immer Abkürzungen. Mit diesen Abkürzungen sind wir dann mit zerkratzten Wadein und zerrissenen Dirndelschürzen 1 oder 2 Stunden später dort angekommen, wo wir eigentlich hin wollten.
  • Ein Kaiserwitz, den er gerne erzählt hat:
    Eines Morgens im Jagdhaus „Aufzug" im Weißenbachtal. Die hohen Herrn kommen aus ihren Quartieren um vor der Jagd einen Imbiss zu sich zu nehmen. Zu aller Entsetzen hat seine Majestät Kaiser Franz Josef das Hosentürl offen. Keiner der Minister und Hofbeamten wagt es den Kaiser auf diesen Toilettenfehler aufmerksam zu machen. Einer schiebt es auf den anderen. Da kommt der Oberförster von Weißenbach und sagt: „Meine Herrn lasst's mich nur machen!“ Er stellt sich vor die Jagdgesellschaft und sagt: „Guten Morgen meine Herrschaften, ich hoffe alle haben gut geruht. Wir werden uns jetzt für die Jagd fertig machen, aber bevor wir aufbrechen machen wir uns einmal alle das Hosentürl zu!“ .

Siesta in der Rotkreuzstation

Dr. Hauttmann besuchte gerne jedes Jahr das Welser Volksfest. Es war dies und ist es auch heute noch eine Landwirtschaftsmesse, auf der man sich über alle Neuerungen auf dem Gebiet der Viehzucht, Garten- und Obstbau, sowie alles was damit zusammenhängt, informieren konnte. Vor allem der Obstbau war sein Hobby und stolz zählte er uns die vielen Obstsorten auf, die auf seinem Grund wuchsen. Er kam dabei fast auf hundert, was sicherlich übertrieben war. Meist wurde unser Großvater auf der Fahrt mit der Bahn nach Wels von seinem um etliche Jahre jüngeren Freund Magister Dr. Buresch begleitet.

Als unser Opa schon den 80er überschritten hatte und sich wieder für die alljährliche Fahrt nach Wels rüstete, waren wir in Sorge, dass dieses Unternehmen, zumal er sehr an seinen ausgiebigen Mittagsschlaf gewöhnt war, für ihn zu anstrengend werden würde. Ob wir denn nicht wüssten, dass er jedes Mal, wenn er auf der Messe alles durchgesehen und sich mit Würsteln gestärkt hatte, sich zu einem Plausch zu dem Arzt und den Pflegern in die Station des Roten Kreuzes begebe. Er erzähle dort, er sei Landarzt gewesen, er sei recht müde und würde gerne ein Schlaferl auf der dort bereitgestellten Bahre machen. Darauf sei er jedes Mal mit Kaffee gestärkt worden und er habe seinen Mittagsschlaf machen können. Der Lärm rings um ihn hat ihn nicht gestört, denn er war schon sehr schwerhörig.

Die Blinddarm Operation

Eines Morgens wurde das ganze Haus alarmiert. Der Opa, schon 84-jährig, hatte in den frühen Morgenstunden eine schwere Kolik gehabt. Seine Diagnose war: schwere Blinddarmentzündung wahrscheinlich schon Durchbruch. Es wurde um die Rettung telephoniert und als das Rettungsauto den Hof verließ, befürchteten wir das Schlimmste. Er wurde dann in Vöcklabruck operiert.

Aus den Erzählungen der Ärzte wissen wir, dass er eine Narkose abgelehnt hat, sondern sich nur eine Lokalanästhesie geben ließ. Die Ärzte scheint er ziemlich zur Verzweiflung gebracht zu haben, weil er ihnen während der Operation Anweisungen gegeben hat, wie sie es zu machen haben. Im Krankenzimmer hat er geraucht und behauptet er brauche es als Expektorans! Die Schwester, die ihn in der Früh Fieber messen wollte, hat er hinausgeworfen. Unser Großvater wörtlich: "In der Früh um 5 Uhr kommt so eine Nachteule und fahrt mir mit einem nassen Waschel übers Gesicht!" Am 4.Tag nach der Operation erschien im Hof des Hauses Hauttmann das Rettungsauto und neben dem Fahrer sitzend unser Opapa. Er hatte das Krankenhaus auf eigene Verantwortung verlassen, weil ihm wie er sagte, das alles zu blöd wurde. Die Wunde verheile ohnehin gut und wir könnten sie genau so gut verbinden. Die Wunde verheilte wirklich vorbildlich. Später sagte er: „In meiner ganzen Praxis habe ich nicht erlebt, dass ein 84-jähriger eine Blinddarmoperation überlebt hat.“

Quelle

  • Dorothea Vogel: Unser Großvater Dr. Oskar Hauttmann. (Auszüge)