Ferdinand Matthias Zerlacher

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Ferdinand Matthias Zerlacher, Selbstbildnis 1914

Ferdinand Matthias Zerlacher (* 10. März1877 in Graz; † 2. Jänner 1923 in Salzburg) gehörte zu den bedeutendsten Malern des österreichischen Realismus und lebte viele Jahre in Nußdorf am Attersee. Zerlacher fasste seine Kunst als „Augenkunst“ auf und gab nur wieder was er sah und so wie er es sah, ungeschönt und ausdrucksstark. Die Vermengung künstlerischer Eindrücke mit philosophischen oder sozialethischen Elementen lehnte er ab. Diese Sicht einer „absoluten Ehrlichkeit der Malerei“ verband ihn mit dem bedeutendsten Vertreter des Realismus in Deutschland, Wilhelm Leibl.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Ferdinand Matthias Zerlacher kam als uneheliches Kind einer aus Kärnten stammenden Kellnerin am 10. März 1877 in Graz zu Welt. Von seinem Vater Matthias Mayer, einem begabter Holzbildhauer, dürfte er seine künstlerische Veranlagung geerbt haben. Zerlacher musste sich nach einer überaus entbehrungsreichen Jugend mit Beharrlichkeit seine erste künstlerische Anerkennung verdienen. Der Direktor der Grazer Zeichenakademie Heinrich Schwach verschaffte ihm einen Freiplatz in seiner Lehranstalt. Danach konnte Zerlacher durch die Vermittlung von Dr. med. Gustav Ritter von Gerl die Akademie der bildenden Künste in Wien besuchen. Gerl besaß ein Landgut in Frohnleiten in der Steiermark und war Professor an der Wiener Hochschule für Bodenkultur. Die größte Hilfe erfuhr Zerlacher aber von den Schwestern seines Gönners, Marie und Emma von Gerl, die ihm zeitlebens mütterliche Freundinnen waren. Verlobt war Zerlacher mit Helene Bauer.

Die vier Semester an der Wiener Kunstakademie konnten auf die künstlerische Entwicklung Zerlachers nicht wesentlich einwirken. Seine eigenständige künstlerische Persönlichkeit erreichte er mit einer von seiner Umgebung als übermäßig empfundenen Selbstkritik. Nach eigenem Eingeständnis hat nur der deutsche Maler des Realismus, Wilhelm Leibl sein Schaffen beeinflusst. Zerlacher war ein langsamer Arbeiter und gehemmt durch seine überstrenge Selbstbeobachtung und Unzufriedenheit. Er wurde nie zum Spezialisten und hatte sich zeitlebens eine große Vielseitigkeit bewahrt.

Zerlacher fand 1910 als 33-jähriger Aufnahme in die exklusive Wiener Sezession. Er hatte bereits eine anerkannte Stellung in der jüngeren Künstlergeneration Österreichs und war danach alljährlich in den Ausstellungen vertreten. Als Zerlacher 1923 bereits schwer erkrankt war, veranstaltete die Sezession auf Initiative seines Freundes, des Bildhauers Alfred Hofmann eine Gesamtausstellung seiner Werke um ihn mit den Erträgnissen zu unterstützen. Das geschah gegen seinen Wunsch, weil er sich noch nicht reif dafür hielt und meinte, seine guten Bilder seien noch nicht gemalt. Die Ausstellung mit fünfzig seiner Werke wurde genau an dem Tag eröffnet als Zerlacher im St. Johannes Spital in Salzburg im 46. Lebensjahr an Lungentuberkulose verstarb. Sein vorzeitiger Tod beraubte Österreich und die deutsche Kunstwelt eines Talentes von außergewöhnlicher Stärke und vereitelte die letzte Erfüllung einer großen Verheißung, schreibt Benno Imendörffer in einem Gedenkblatt.

Nach Zerlachers Tod verfasste Marie von Gerl die "Erinnerungen an den Maler Ferdinand M. Zerlacher". Das Manuskript davon befindet sich im Archiv der Wiener Secession. In der Wiener Zeitung vom 14. Februar 1925 wurden Auszüge daraus veröffentlicht. Dr. Robert Graf hat am 14. September 1923 im Morgen- und Abendblatt der Grazer "Tagespost" eine Würdigung Zerlachers unter dem Titel, "Der steirische Maler Ferdinand Zerlacher" veröffentlicht.

Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven (*1883 – †1962) hat im Jahr 1926 im Friedrich Daniel Verlag eine Künstlermonographie über Ferdinand Matthias Zerlacher herausgebracht. Darin beschreibt er sehr detailliert das Wesen und die stets von inneren Zweifeln gequälte Künstlerpersönlichkeit Zerlachers. In einem Brief an seine Gönnerinnen, die Schwestern Gerl, schreibt Zerlacher selbst von – einer verflixten Wankelmütigkeit und von Stimmungen seiner armen, unfertigen, suchenden und tastenden Malerseele. Ein vorzügliches Porträt von Emma Gerl zerstörte er kurzerhand, weil es durch den Reflex der vor dem Fenster stehenden Bäume ein grünliches Kolorit erhielt.

Nach der Jahrhundertwende bekam Zerlacher Aufträge mit denen er auch etwas Geld verdienen konnte. In einem Brief beschreibt er was er über die kommerzielle Seite seines Berufes dachte. … es ist köstlich wie man sich räuspern, wie man sich in die Brust werfen muss um den Menschen zu imponieren! … das Komödienspielen ist da vollkommen am Platze, ist da notwendig. … ich kann diesen Maulaffen von Menschen und Menschlein sagen, dass ich was Besseres, was nicht so Gewöhnliches bin! Wie er jede Heuchelei verabscheute, so war ihm auch im Leben wie in seiner Malerei die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit der innerste Antrieb. Den tragischen Tod Zerlachers beschrieb Hans Ankwicz-Kleehoven in seiner Künstlermonographie so: Fast zur selben Stunde, da man das, was an Ferdinand Matthias Zerlacher sterblich war, am 5. Jänner 1923 am Salzburger Kommunalfriedhof in ein schlichtes Grab senkte, öffneten sich in der Wiener Sezession die Tore der ihm gewidmeten Kollektivausstellung, die nun durch sein immerhin unerwartetes Ableben plötzlich zu einer Gedächtnisschau geworden war. In einem halben Jahrhundert von Gemälden und Handzeichnungen erkannte man mit staunender Bewunderung, zu welch reifer Meisterschaft hier ein heimisches Talent emporgewachsen war, dessen Name wohl auch schon früher ab und zu mit Achtung erwähnt, dennoch niemals über den engen Kreis der Kollegen und weniger Kunstfreunde hinaus gedrungen war. Erst als man Zerlachers Gesamtwerk gegenüber stand, wurde es klar, dass man es hier mit einer vollwertigen künstlerischen Persönlichkeit zu tun hatte, die man viel zu gering einschätzte, solange man in ihr lediglich einen Epigonen Wilhelm Leibls erblickte. Um Zerlacher volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss man ihn als eine ganz selbständige Erscheinung am österreichischen Kunsthimmel betrachten.

Die innige Beziehung zu Nußdorf am Attersee

Zerlacher (rechts stehend) mit der Nußdorfer Familie Wendl 1908
Zerlacher (links) mit Frl. von Gerl und Bildhauer Alfred Hofmann August 1909
Nußdorf von Osten 1907

Zerlachers gastfreundliche Gönnerinnen Marie und Emma von Gerl, die in Wien in der Himmelpfortgasse 9 wohnten, verbrachten viele Jahre ihre Sommerfrische in Nußdorf am Attersee und errichteten hier (jetzt Seestraße 6) auch eine Ferienvilla. Zerlacher verließ sein geliebtes Nußdorf nur selten um für wenige Wochen in Wien zu verweilen.

In Nußdorf war er ein ganz anderer als in der Großstadt, mit der er sich nie ganz zu befreunden vermocht hat, erinnerte sich sein Freund Benno Imendörffer, und weiter: Am Attersee entstand das reizende Bildnis meiner Tochter, das damals noch ein Kind von sechs oder sieben Jahren war, das Zerlacher leider in einem seiner Anfälle krankhafter Unzufriedenheit mit den eigenen Leistungen noch vor der Vollendung zerstört hat. Zur Entschädigung schenkte er mir dann eine landschaftliche Skizze, die ein Motiv aus Nußdorf in seiner feinen Weise behandelt und die meinen liebsten und wohl auch wertvollsten Kunstbesitz bildet. Ich kenne zufällig fast alle bäuerlichen Modelle, die Zerlachers Pinsel während seines vieljährigen Aufenthaltes in Nußdorf am Attersee so lebensvoll auf die Leinwand gebannt hat, ich weiß daher die Leistungen, die in diesen meist ganz einfach aufgefassten und stets nur eine einzige Gestalt darstellenden Bildnissen liegt zu schätzen. Die kleine Roither Resl, der Seppen Vetter, die Thommenbäuerin usw., sie alle stehen wieder leibhaftig vor mir, wenn ich die Bilder betrachte.

An der Akademie der bildenden Künste in Wien lernte Zerlacher 1897 den Bildhauer Alfred Hofmann kennen, dem er bis zu seinem Tod 1923 freundschaftlich verbunden war. Sieben Bilder Zerlachers werden in dessen Familie weiter gereicht und befinden sich jetzt im Besitz seines in Kassel lebenden Enkels, Professor Dr. Ulrich Rieger. Zum Freundeskreis Zerlachers gehörten auch die Maler Siegfried Troll und Sigmund Walter Hampel. Hampel verbrachte rund sechzig Jahre lang seine Sommerfrische und seinen Lebensabend in Nußdorf am Attersee.

In der Künstlermonographie von Hans Ankwicz-Kleehoven steht zu lesen: 1904 kam Zerlacher bereits zu Neujahr nach Nußdorf und fand im Ausnahmhaus des Lederers Frank einen geeigneten Raum. Er malte neben einem Selbstportrait ein lebenswahres Bild des Bräuhausbesitzers Ludwig Hofmann. Im Mai übersiedelte er in das neuerbaute Haus des Holzknechtes Franz Schiemer, das dann bis 1916 in den Sommermonaten auch die Familie Gerl beherbergte. Nach deren Erinnerungen arbeitete Zerlacher an einem Portrait des Linzer Rechtsanwalts, Dr. Fritz Ruckensteiner der damals ebenfalls in Nußdorf weilte. Auf die Frage, wie weit das Bild nach zahllosen Sitzungen fortgeschritten sei, antwortete Ruckensteiner, vorläufig schau ich noch aus wie ein Fleckerlpatschen.

Im Sommer 1905 malte Zerlacher mit 28 Jahren, die Tochter des Lehrers Dümler, den Bildhauer Alfred Hofmann und die zehnjährige Stadler-Seff und stellte ein Wiesenblumen-Stillleben fertig. In diesem Jahre lernte Zerlacher auch im Bräuhaus den Maler Professor Emil Bruno kennen, der ihn in sein Atelier einlud und ihn darin bestärkte auf seinem eingeschlagenen künstlerischen Weg fortzufahren. Neben dem Bildnis der alten Ablingerin malte Zerlacher auch ein Portrait des Nußdorfer Lehrers Hans Dürhammer.

Zerlacher konnte nicht nur mit dem Pinsel umgehen sondern auch mit der Geige. Anlässlich eines Abschiedskonzertes für eine Blindenkolonie im Nußdorfer Bräuhaus stand in einer Lokalzeitung zu lesen: Geradezu aber stürmische Bravorufe erzielte Herr Zerlacher, akademischer Maler aus Wien, der den Blinden zuliebe mehrere zarte und bestgespielte Stücke auf der Violine zum Besten gab.

Zerlacher 1902 Nußdorfer Theatervorhang

Der Theatervorhang:

Im Sommer 1902 malte Zerlacher für das Nußdorfer Bauerntheater einen Vorhang. Die Gemeinde stellte ihm dafür den Dachboden des Gemeindehauses zur Verfügung, da sein Zimmer und Atelier im Haus des Schmiedes Hollerwöger zu wenig Platz bot. Dieses umfangreichste Werk Zerlachers in Form eines Triptychons zeigte im Mittelfeld einen zitherspielenden Bauernburschen, im rechten Seitenfeld Nußdorf mit der Kirche im Abendrot, im linken Seitenfeld den Attersee mit Höllengebirge. Nachdem Zerlacher diese Form figuraler Komposition und die Dekorationsmalerei nicht sehr lagen, versuchte er diese Arbeit schnell abzuschließen. In diesem Sommer weilten auch einige Sommergäste aus Wien in Nußdorf und bedachten dieses Werk mit spöttischen Bemerkungen. Obwohl ihm die ansässige Bevölkerung eine aufrichtige Zuneigung entgegenbrachte, litt Zerlacher sehr unter der unfreundlichen Behandlung der sogenannten besseren Gesellschaft. In einem Brief schildert er seine Abende im Bräuhaus: Im Oberstock haben sie gelacht, gejubelt, getanzt, und ich als Geächteter saß unten, ich war doch auch jung! Da bin ich halt allein sitzen geblieben und hab gesoffen. Dann war ich das Scheusal, der Mensch, mit dem man nicht verkehren kann!

Der Nußdorfer Theatervorhang wird zwar nicht mehr verwendet aber von der Gemeinde verwahrt und in Ehren gehalten. Er trägt die Signatur des akademischen Malers Hubert Lechner, der ihn später einmal renoviert haben dürfte. Zerlacher selbst hatte den Vorhang nicht signiert.

Trotz seines Hanges zum Alkohol hielten einige Freunde Zerlacher die unerschütterliche Treue und haben den Glauben an sein Künstlertum nie verloren. Die Damen Gerl und ihr Neffe Dr. Hans v. Woerz, Bildhauer Alfred Hofmann, Maler Sigmund Walter Hampel, Professor Emil Bruno. Sie standen ihm stets hilfsbereit zur Seite. Bildhauer Alfred Hofmann kannte er aus seiner Zeit in der Akademie. Er war für Zerlacher durch sein ruhiges überlegtes Wesen eine wahre Wohltat. Dr. Ulrich Rieger, Enkel von Alfred Hofmann schrieb in dessen Biographie: Alfred Hofmann, ein Künstler zwischen den Weltkriegen:

Ferdinand Matthias Zerlacher 10. März 1877 - 2. März 1923

Mit dem Maler Zerlacher war Alfred Hofmann seit der Akademiezeit 1897 bis zu Zerlachers Tod 1923 freundschaftlich verbunden. Zerlacher war eine sehr komplizierte Persönlichkeit mit ausgeprägten, extremen Charakterzügen. Auf der einen Seite wurde er von Selbstkritik bis zu massiven Selbstzweifeln geplagt und auf der anderen Seite war er selbstbewusst bis hin zu Eigensinn und Sturheit. Alles dies getragen von einem aufbrausenden Temperament. Wenn er sich in der Mitte dieser extremen Pole bewegte, dann war er zugewandt und gewinnend mittels seiner humorvollen und hintersinnigen Konversation. Dazu in anrührender Weise bescheiden und rücksichtsvoll. Er hatte eine musikalische Begabung, spielte Geige, und hatte schauspielerische Fähigkeiten, die er in geselliger Runde beim Wein mitreißend auslebte.

Zerlacher war ein leidenschaftlicher Maler im doppelten Sinne. Er fühlte sich zum Maler berufen und litt darunter. Die Strenge seines inneren Auges beobachtet kritisch was seine Hände schufen. Wenn er meinte sein Werk erfülle sein inneres Bild nicht, dann neigte er dazu es immer wieder zu korrigieren oder gar zu vernichten. So war er ein getriebener Perfektionist. Hatten die Selbstzweifel ihn zu sehr zermürbt, dann suchte er die Nähe von „Hofmann“ wie er A.H. nannte. In einem Brief schreibt Zerlacher über sich selbst: „Hoffentlich geht es so fort mit der Arbeit, d.h. frisch und aus einem Gusse gemalt! Leider kann ich das von meinem Selbstbildnis nicht sagen, wissen Sie, ich male schon zu lange daran! Es passt mir bei diesem Bilde manches in technischer Hinsicht nicht…. In solchen Fällen wär halt ein guter, fachkundiger Freund wie Hofmann von nöthen –„ .“ (zit. aus Ankwicz-Kleehoven, Hans: Ferdinand Matthias Zerlacher, 1926, Seite 32) „Der Verkehr mit diesem als Mensch (gemeint ist A.H.- d. Verf.) wie als Künstler gleich trefflichen Kollegen, sein ruhiges und überlegtes Wesen war für den fahrigen, stets von inneren Zweifeln gequälten Zerlacher eine wahre Wohltat.“ (ebenda, S. 32). Zerlacher hatte in ihm einen “gleichaltrigen Kameraden, mit dem er jung und froh sein konnte.“ Zit. aus Ankwicz.., Seite 13)

Zu Zerlachers Arbeitsweise wird von Anton Hanak in einem Brief folgende Schilderung gegeben: „Es war laut meinen Aufzeichnungen in den Jahren 1903 und 1904. Zerlacher hat mich schon 200 Stunden lang zur Sitzung gezwungen – das Bild war anfangs ein Kniestück, wurde immer kleiner und kleiner, bis ich es mit Gewalt aufgegeben habe weiter Modell zu stehen. Zerlacher verlangte noch weitere 100 Stunden, die ich einfach nicht mehr aufbringen konnte. Zerlacher hat mir die Leinwand auf den Kopf geworfen und mich zusammengeschimpft und ist davon gelaufen. Das alles hat sich in der Bildhauerschule der Akademie der bildenden Künste im Prater abgespielt. Kurz vor meinem Austritt und vor meiner Italienreise. Ich habe das Bild aufgehoben und behütet. Zerlacher selbst habe ich kurz nur noch im Jahre 1909 wieder gesehen. Damals hat er nach dem Bilde gefragt und wollte es zerstört wissen. Ich habe diese Arbeit immer hoch gewertet, insbesondere die traumhafte Wiedergabe meines Innenlebens.“ Zit aus Ankwicz…, Seite 22.

Zerlacher lebte in Wien und hauptsächlich in Nussdorf. Er war der Einladung der Maria und Emma von Gerl gefolgt, die die Sommermonate in Nußdorf zu verbringen pflegten. Beide ältere Damen hatten 1897 den damals Zwanzigjährigen mittellosen und vollwaisen Zerlacher im Hause des Bruders Dr. med. Gustav Ritter von Gerl, Professor an der Wiener Hochschule für Bodenkultur, kennen gelernt. Dazu schreibt Marie von Gerl in ihren Erinnerungen: Zerlacher „machte einen ungemein zarten, dürftigen Eindruck. Er sah in seinen zu kurz gewordenen, abgenützten Kleidern mit dem schmalen Trauerflor, den er für den Vater trug, arm und rührend aus und erregte sofort Hilfsbereitschaft von allen Seiten. Zerlacher war stets musterhaft nett und sauber trotz aller Armut. Sein Auftreten war schüchtern zurückhaltend, aber ungezwungen, und aus dem blassen Gesicht sahen einem schön geschnittene dunkelbraune Augen offen und klug entgegen. Seine hohe Stirne mit stark entwickelten Stirnhöckern überragte eine Fülle leicht gewellter, dunkler Haare und schön geformte, blasse Hände vervollständigten die sympathische Persönlichkeit.“ Zit. Ankewicz..…,S.8.

Der Besuch in Nußdorf mündete in einen festen Aufenthalt in Nußdorf indem Zerlacher nicht nur die Sommer sondern auch viele Winter in Nußdorf verbrachte. Zerlacher blieb 25 Jahre der treue Hausgenosse der Schwestern Gerl, die regelmäßig ihre Sommerzeit in Nussdorf verbrachten. Künstlerischen und freundschaftlichen Umgang hatte Zerlacher mit dem Maler Sigmund Walter Hampel. Hampel und sein Malerkollege Gustav Klimt mit dem ihm eine jahrelange Freundschaft verband, verbrachten regelmäßig die Sommermonate am Attersee. Hampel hatte in seinen späteren Jahren seinen ständigen Wohnsitz in Nussorf am Attersee genommen. Aus der gemeinsamen Zeit mit Zerlacher hat Hampel ein Ölbild hinterlassen, das Zerlachers Atelier zeigt.

Wurde Zerlacher von seinen dunklen Tagen geplagt, dann wurde Hofmann herbeigerufen. Der hatte die richtige Art ihn zu beruhigen und ihn abzulenken. Hofmann kam dann von Wien angereist und unternahm mit Zerlacher Ausflüge in die Nähe und weitere Umgebung von Nussdorf. Über diese Besuche hatte sich Alfred Hofmann mit den Gerl Schwestern angefreundet. Die beiden Schwestern hatten in A.H. einen geduldigen Zuhörer, wenn sie sich große Sorgen um Zerlacher machten. Außerdem hatte A.H. auch handwerkliches Geschick für so manches im Haushalt. Wenn die zeitlichen Abstände der Besuche den Damen zu groß erschienen, dann setzten sie „Lockrufe“ ab. In einem dieser „Lockrufe“ wird Zerlacher von den Gerls aufgefordet: „Schreibens ihm doch er (Alfred Hofmann, d.Verf.) soll kommen! Hat er Lehm sich mitgenommen - Blecheln, Werkzeug – all die Sachen - Die er braucht um was zu machen - Und nach Bedarf auch Gips dazu - Kann er, das sage ich in Ruh, - Die Zeit hier nützlicher verbringen! - In Wien wird ihm jetzt nichts gelingen! - Modelle für Kleinplastiken - Für beliebte Majoliken- Gibt es hier in Nußdorf ja viel- Gewiss mehr als er haben will.- Im letzten Absatz des 25 Strophen-Gedichtes heißt es: „Du weißt – bei uns ist stets der Ort- Wo Du aus ganzem Herzensgrund- Willkommen bist zu jeder Stund!“

1907 hatte Zerlacher den Maler Maximilian Liebenwein kennen gelernt. Ankwicz-Kleehoven schreibt: „Dieser treffliche Künstler hatte die Begabung seines jüngeren Kollegen (Zerlacher d.V.) frühzeitig erkannt und immer große Stück auf ihn gehalten. Die persönliche Bekanntschaft zwischen den beiden erfolgte am 25jährigen Stiftungsfest der Verbindung deutscher Kunstakademiker „Athenaia“ und fand ihre Fortsetzung in der Sezession. Liebenwein lithographierte 1912 für Zerlacher ein hübsches Exlibris, das in der Figur einer Salzkammergutbäuerin eine sinnige Anspielung auf Zerlachers Vorliebe für Nussdorf enthält. Zerlacher hinwieder malte 1913 ein Brustbild Frau Liebenweins, das von ihrem Gatten nicht ohne Berechtigung ein Meisterwerk genannt wurde. „Zerlacher war ein durchaus ernsthafter Mensch“ schrieb mir Maler Liebenwein gelegentlich, „er konnte aber sehr lustig, ja sogar ausgelassen sein. Bei den Sitzungen sprach er wenig. Die Arbeit nahm ihn vollständig in Anspruch. Er pflegte sich über die Modeporträtisten lustig zu machen, die ihre Berühmtheit ihrer Geschicklichkeit im Anekdotenerzählen und ihrem Ungeschick in der Malerei verdanken. Zerlacher arbeitete langsam. Je weiter die Arbeit gediehen war, desto langsamer. Wenn er drei Stunden gearbeitet hatte, war er erschöpft, geradezu „ausgepumpt“, und musste sich Ruhe gönnen. Allerdings war bei ihm jeder Strich, jeder Farbfleck das Resultat eines unerbittlich strengen Denkprozesses, und daher kam das rasche Ermüden.“ S.37-38 Ankwiece-Kleehoven.

Das Portrait zeigt Anna Liebenwein mit einem aufwändigen Halsschmuck aus Skarabäen und Halbedelstein, den Koloman Moser entworfen hatte. Liebenwein war mit Koloman Moser und Alfred Hofmann gut bekannt. Liebenwein bewohnte – wie schon erwähnt - mit seiner Familie einen Turm der Festungsanlage Burghausen zu der Zeit in der auch die Malerin Berta Renata Hofmann, Schwester von Alfred Hofman, in Burghausen lebte. (Menches, Sonja, S.11, Ankwicz-Kleehoven, S.21) Für kurze Zeit hielt sich auch Zerlacher in Burghausen auf, doch „trieb“ es ihn wieder zurück nach Nußdorf.

Eine gemeinsame künstlerische Schaffenszeit bot sich für Zerlacher und Alfred Hofmann bei der Innenausgestaltung der Sparkasse in Budweis 1913. Das Haus wurde in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts renoviert und ist ein schönes Beispiel für die Dekorationskunst in der Endphase des Jugendstils. Zerlacher wurde als österreichischer Leibl apostrophiert. Zerlacher fühlte sich keiner Kunstrichtung zugehörig. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges durchschritt Zerlacher eine schwere Zeit der inneren Erschütterung. Trotz häufiger Depressionen schuf er eine Reihe von ausdrucksstarken Werken. Er meinte auf dem Weg zu einem großen Maler zu sein. Diese beginnende produktive Phase wurde von einem beginnenden chronischen Fieber überschattet. Die Diagnose war Lungentuberkulose. Der „Ausschuss“ der Secession verschaffte dem mittellosen Künstler durch eine veranstaltete Akademie die Möglichkeit, die Kosten für die Spitalsverpflegung zu bestreiten A.H. hatte sich darum bemüht, eine Auswahl von Zerlachers Werken in einer Kollektivausstellung der Secession zu präsentieren. Diese LXIX (69.) Ausstellung der Secession, 1923, hat Zerlacher nicht mehr erlebt. Am 2. Jänner, 1923 ist Zerlacher im St.Johannes-Spital zu Salzburg verstorben.

Werke

Quellen

Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven - Friedrich Daniel Verlag - Künstlermonographie über Ferdinand Matthias Zerlacher 1926

Der getreue Eckart, Eckart Verlag Wien, Heft Nr. 8, Mai 1928

Prof. Dr. Ulrich Rieger, Kassel - Enkel des Bildhauers Alfred Hofmann