Ferdinand Matthias Zerlacher

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Ferdinand Matthias Zerlacher, Selbstbildnis 1914

Ferdinand Matthias Zerlacher (* 10. März1877 in Graz; † 2. Jänner 1923 in Salzburg) gehörte zu den bedeutendsten Malern des österreichischen Realismus und lebte viele Jahre in Nußdorf am Attersee. Zerlacher fasste seine Kunst als „Augenkunst“ auf und gab nur wieder was er sah und so wie er es sah, ungeschönt und ausdrucksstark. Die Vermengung künstlerischer Eindrücke mit philosophischen oder sozialethischen Elementen lehnte er ab. Diese Sicht einer „absoluten Ehrlichkeit der Malerei“ verband ihn mit dem bedeutendsten Vertreter des Realismus in Deutschland, Wilhelm Leibl.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Ferdinand Matthias Zerlacher kam als uneheliches Kind einer aus Kärnten stammenden Kellnerin am 10. März 1877 in Graz zu Welt. Von seinem Vater Matthias Mayer, einem begabter Holzbildhauer, dürfte er seine künstlerische Veranlagung geerbt haben. Zerlacher musste sich nach einer überaus entbehrungsreichen Jugend mit Beharrlichkeit seine erste künstlerische Anerkennung verdienen. Der Direktor der Grazer Zeichenakademie Heinrich Schwach verschaffte ihm einen Freiplatz in seiner Lehranstalt. Danach konnte Zerlacher durch die Vermittlung von Dr. med. Gustav Ritter von Gerl die Akademie der bildenden Künste in Wien besuchen. Gerl besaß ein Landgut in Frohnleiten in der Steiermark und war Professor an der Wiener Hochschule für Bodenkultur. Die größte Hilfe erfuhr Zerlacher aber von den Schwestern seines Gönners, Marie und Emma von Gerl, die ihm zeitlebens mütterliche Freundinnen waren. Verlobt war Zerlacher mit Helene Bauer.

Die vier Semester an der Wiener Kunstakademie konnten auf die künstlerische Entwicklung Zerlachers nicht wesentlich einwirken. Seine eigenständige künstlerische Persönlichkeit erreichte er mit einer von seiner Umgebung als übermäßig empfundenen Selbstkritik. Nach eigenem Eingeständnis hat nur der deutsche Maler des Realismus, Wilhelm Leibl sein Schaffen beeinflusst. Zerlacher war ein langsamer Arbeiter und gehemmt durch seine überstrenge Selbstbeobachtung und Unzufriedenheit. Er wurde nie zum Spezialisten und hatte sich zeitlebens eine große Vielseitigkeit bewahrt.

Zerlacher fand 1910 als 33-jähriger Aufnahme in die exklusive Wiener Sezession. Er hatte bereits eine anerkannte Stellung in der jüngeren Künstlergeneration Österreichs und war danach alljährlich in den Ausstellungen vertreten. Als Zerlacher 1923 bereits schwer erkrankt war, veranstaltete die Sezession auf Initiative seines Freundes, des Bildhauers Alfred Hofmann eine Gesamtausstellung seiner Werke um ihn mit den Erträgnissen zu unterstützen. Das geschah gegen seinen Wunsch, weil er sich noch nicht reif dafür hielt und meinte, seine guten Bilder seien noch nicht gemalt. Die Ausstellung mit fünfzig seiner Werke wurde genau an dem Tag eröffnet als Zerlacher im St. Johannes Spital in Salzburg im 46. Lebensjahr an Lungentuberkulose verstarb. Sein vorzeitiger Tod beraubte Österreich und die deutsche Kunstwelt eines Talentes von außergewöhnlicher Stärke und vereitelte die letzte Erfüllung einer großen Verheißung, schreibt Benno Imendörffer in einem Gedenkblatt.

Nach Zerlachers Tod verfasste Marie von Gerl die "Erinnerungen an den Maler Ferdinand M. Zerlacher". Das Manuskript davon befindet sich im Archiv der Wiener Secession. In der Wiener Zeitung vom 14. Februar 1925 wurden Auszüge daraus veröffentlicht. Dr. Robert Graf hat am 14. September 1923 im Morgen- und Abendblatt der Grazer "Tagespost" eine Würdigung Zerlachers unter dem Titel, "Der steirische Maler Ferdinand Zerlacher" veröffentlicht.

Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven (*1883 – †1962) hat im Jahr 1926 im Friedrich Daniel Verlag eine Künstlermonographie über Ferdinand Matthias Zerlacher herausgebracht. Darin beschreibt er sehr detailliert das Wesen und die stets von inneren Zweifeln gequälte Künstlerpersönlichkeit Zerlachers. In einem Brief an seine Gönnerinnen, die Schwestern Gerl, schreibt Zerlacher selbst von – einer verflixten Wankelmütigkeit und von Stimmungen seiner armen, unfertigen, suchenden und tastenden Malerseele. Ein vorzügliches Porträt von Emma Gerl zerstörte er kurzerhand, weil es durch den Reflex der vor dem Fenster stehenden Bäume ein grünliches Kolorit erhielt.

Nach der Jahrhundertwende bekam Zerlacher Aufträge mit denen er auch etwas Geld verdienen konnte. In einem Brief beschreibt er was er über die kommerzielle Seite seines Berufes dachte. … es ist köstlich wie man sich räuspern, wie man sich in die Brust werfen muss um den Menschen zu imponieren! … das Komödienspielen ist da vollkommen am Platze, ist da notwendig. … ich kann diesen Maulaffen von Menschen und Menschlein sagen, dass ich was Besseres, was nicht so Gewöhnliches bin! Wie er jede Heuchelei verabscheute, so war ihm auch im Leben wie in seiner Malerei die Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit der innerste Antrieb. Den tragischen Tod Zerlachers beschrieb Hans Ankwicz-Kleehoven in seiner Künstlermonographie so: Fast zur selben Stunde, da man das, was an Ferdinand Matthias Zerlacher sterblich war, am 5. Jänner 1923 am Salzburger Kommunalfriedhof in ein schlichtes Grab senkte, öffneten sich in der Wiener Sezession die Tore der ihm gewidmeten Kollektivausstellung, die nun durch sein immerhin unerwartetes Ableben plötzlich zu einer Gedächtnisschau geworden war. In einem halben Jahrhundert von Gemälden und Handzeichnungen erkannte man mit staunender Bewunderung, zu welch reifer Meisterschaft hier ein heimisches Talent emporgewachsen war, dessen Name wohl auch schon früher ab und zu mit Achtung erwähnt, dennoch niemals über den engen Kreis der Kollegen und weniger Kunstfreunde hinaus gedrungen war. Erst als man Zerlachers Gesamtwerk gegenüber stand, wurde es klar, dass man es hier mit einer vollwertigen künstlerischen Persönlichkeit zu tun hatte, die man viel zu gering einschätzte, solange man in ihr lediglich einen Epigonen Wilhelm Leibls erblickte. Um Zerlacher volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss man ihn als eine ganz selbständige Erscheinung am österreichischen Kunsthimmel betrachten.

Die innige Beziehung zu Nußdorf am Attersee

Zerlacher (rechts stehend) mit der Nußdorfer Familie Wendl 1908
Nußdorf von Osten 1907

Zerlachers gastfreundliche Gönnerinnen Marie und Emma von Gerl, die in Wien in der Himmelpfortgasse 9 wohnten, verbrachten viele Jahre ihre Sommerfrische in Nußdorf am Attersee und errichteten hier (jetzt Seestraße 6) auch eine Ferienvilla. Zerlacher verließ sein geliebtes Nußdorf nur selten um für wenige Wochen in Wien zu verweilen.

In Nußdorf war er ein ganz anderer als in der Großstadt, mit der er sich nie ganz zu befreunden vermocht hat, erinnerte sich sein Freund Benno Imendörffer, und weiter: Am Attersee entstand das reizende Bildnis meiner Tochter, das damals noch ein Kind von sechs oder sieben Jahren war, das Zerlacher leider in einem seiner Anfälle krankhafter Unzufriedenheit mit den eigenen Leistungen noch vor der Vollendung zerstört hat. Zur Entschädigung schenkte er mir dann eine landschaftliche Skizze, die ein Motiv aus Nußdorf in seiner feinen Weise behandelt und die meinen liebsten und wohl auch wertvollsten Kunstbesitz bildet. Ich kenne zufällig fast alle bäuerlichen Modelle, die Zerlachers Pinsel während seines vieljährigen Aufenthaltes in Nußdorf am Attersee so lebensvoll auf die Leinwand gebannt hat, ich weiß daher die Leistungen, die in diesen meist ganz einfach aufgefassten und stets nur eine einzige Gestalt darstellenden Bildnissen liegt zu schätzen. Die kleine Roither Resl, der Seppen Vetter, die Thommenbäuerin usw., sie alle stehen wieder leibhaftig vor mir, wenn ich die Bilder betrachte.

An der Akademie der bildenden Künste in Wien lernte Zerlacher 1897 den Bildhauer Alfred Hofmann kennen, dem er bis zu seinem Tod 1923 freundschaftlich verbunden war. Sieben Bilder Zerlachers werden in dessen Familie weiter gereicht und befinden sich jetzt im Besitz seines in Kassel lebenden Enkels, Professor Dr. Ulrich Rieger. Zum Freundeskreis Zerlachers gehörten auch die Maler Siegfried Troll und Sigmund Walter Hampel. Hampel verbrachte rund sechzig Jahre lang seine Sommerfrische und seinen Lebensabend in Nußdorf am Attersee.

In der Künstlermonographie von Hans Ankwicz-Kleehoven steht zu lesen: 1904 kam Zerlacher bereits zu Neujahr nach Nußdorf und fand im Ausnahmhaus des Lederers Frank einen geeigneten Raum. Er malte neben einem Selbstportrait ein lebenswahres Bild des Bräuhausbesitzers Ludwig Hofmann. Im Mai übersiedelte er in das neuerbaute Haus des Holzknechtes Franz Schiemer, das dann bis 1916 in den Sommermonaten auch die Familie Gerl beherbergte. Nach deren Erinnerungen arbeitete Zerlacher an einem Portrait des Linzer Rechtsanwalts, Dr. Fritz Ruckensteiner der damals ebenfalls in Nußdorf weilte. Auf die Frage, wie weit das Bild nach zahllosen Sitzungen fortgeschritten sei, antwortete Ruckensteiner, vorläufig schau ich noch aus wie ein Fleckerlpatschen.

Im Sommer 1905 malte Zerlacher mit 28 Jahren, die Tochter des Lehrers Dümler, den Bildhauer Alfred Hofmann und die zehnjährige Stadler-Seff und stellte ein Wiesenblumen-Stillleben fertig. In diesem Jahre lernte Zerlacher auch im Bräuhaus den Maler Professor Emil Bruno kennen, der ihn in sein Atelier einlud und ihn darin bestärkte auf seinem eingeschlagenen künstlerischen Weg fortzufahren. Neben dem Bildnis der alten Ablingerin malte Zerlacher auch ein Portrait des Nußdorfer Lehrers Hans Dürhammer.

Zerlacher konnte nicht nur mit dem Pinsel umgehen sondern auch mit der Geige. Anlässlich eines Abschiedskonzertes für eine Blindenkolonie im Nußdorfer Bräuhaus stand in einer Lokalzeitung zu lesen: Geradezu aber stürmische Bravorufe erzielte Herr Zerlacher, akademischer Maler aus Wien, der den Blinden zuliebe mehrere zarte und bestgespielte Stücke auf der Violine zum Besten gab.

Zerlacher 1902 Nußdorfer Theatervorhang

Der Theatervorhang:

Im Sommer 1902 malte Zerlacher für das Nußdorfer Bauerntheater einen Vorhang. Die Gemeinde stellte ihm dafür den Dachboden des Gemeindehauses zur Verfügung, da sein Zimmer und Atelier im Haus des Schmiedes Hollerwöger zu wenig Platz bot. Dieses umfangreichste Werk Zerlachers in Form eines Triptychons zeigte im Mittelfeld einen zitherspielenden Bauernburschen, im rechten Seitenfeld Nußdorf mit der Kirche im Abendrot, im linken Seitenfeld den Attersee mit Höllengebirge. Nachdem Zerlacher diese Form figuraler Komposition und die Dekorationsmalerei nicht sehr lagen, versuchte er diese Arbeit schnell abzuschließen. In diesem Sommer weilten auch einige Sommergäste aus Wien in Nußdorf und bedachten dieses Werk mit spöttischen Bemerkungen. Obwohl ihm die ansässige Bevölkerung eine aufrichtige Zuneigung entgegenbrachte, litt Zerlacher sehr unter der unfreundlichen Behandlung der sogenannten besseren Gesellschaft. In einem Brief schildert er seine Abende im Bräuhaus: Im Oberstock haben sie gelacht, gejubelt, getanzt, und ich als Geächteter saß unten, ich war doch auch jung! Da bin ich halt allein sitzen geblieben und hab gesoffen. Dann war ich das Scheusal, der Mensch, mit dem man nicht verkehren kann!

Der Nußdorfer Theatervorhang wird zwar nicht mehr verwendet aber von der Gemeinde verwahrt und in Ehren gehalten. Er trägt die Signatur des akademischen Malers Hubert Lechner, der ihn später einmal renoviert haben dürfte. Zerlacher selbst hatte den Vorhang nicht signiert.

Trotz seines Hanges zum Alkohol hielten einige Freunde Zerlacher die unerschütterliche Treue und haben den Glauben an sein Künstlertum nie verloren. Die Damen Gerl und ihr Neffe Dr. Hans v. Woerz, Bildhauer Hofmann, Maler Sigmund Walter Hampel, Professor Emil Bruno. Sie standen ihm stets hilfsbereit zur Seite. Bildhauer Alfred Hofmann kannte er aus seiner Zeit in der Akademie. Er war für Zerlacher durch sein ruhiges überlegtes Wesen eine wahre Wohltat.


Werke

Quellen

Dr. Hans Ankwicz-Kleehoven - Friedrich Daniel Verlag - Künstlermonographie über Ferdinand Matthias Zerlacher 1926

Der getreue Eckart, Eckart Verlag Wien, Heft Nr. 8, Mai 1928

Prof. Dr. Ulrich Rieger, Kassel - Enkel des Bildhauers Alfred Hofmann